Blog von Lisa Reiner

Servicekultur in der Hotellerie: Mehr als ein       Lächeln an der Rezeption

"Wir haben eine gute Servicekultur" ist einer der Sätze, die ich in Häusern am häufigsten höre – und einer der am schwersten zu belegenden. Gemeint ist meistens: Die Mitarbeitenden sind freundlich. Das ist ein Anfang. Eine Kultur ist es noch nicht.

Freundlichkeit ist eine Momentaufnahme. Kultur ist das, was passiert, wenn niemand mehr hinschaut.

Woran man echte Servicekultur erkennt:

Sie zeigt sich im Streitfall, nicht im Alltag: Ein Klassiker, den ich in fast jedem Haus wiedererkenne, sind die Reibungspunkte zwischen Rezeption und F&B. Beide Abteilungen denken oft zuerst an sich selbst, dabei ist gerade ihre enge Zusammenarbeit für den Gast entscheidend. Mit einem einzigen Gespräch ist eine solche Spannung selten gelöst. Was in meiner Erfahrung tatsächlich hilft, ist offene und ehrliche Kommunikation, getragen vom gemeinsamen Willen, etwas zu verbessern, auch wenn das bedeutet, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Wichtig ist dabei ein sicherer, wertschätzender Rahmen, in dem genau das möglich wird. Damit war ich in der Vergangenheit sicher nicht bei jedem beliebt, aber mir fällt es schwer, eine Situation einfach hinzunehmen, wenn sie sich für alle Beteiligten eigentlich verbessern ließe.

Sie überlebt den Schichtwechsel: Ein Standard, der nur funktioniert, solange die erfahrene Kollegin Dienst hat, ist kein Standard. Er ist eine Person. Echte Servicekultur trägt auch am Sonntagabend mit der Aushilfskraft.

Sie lebt von Fehlerkultur, nicht von Fehlerlosigkeit: Häuser mit starker Servicekultur haben nicht weniger Fehler. Sie gehen nur anders damit um. Ein Fehler wird schnell gemeldet, weil niemand Angst haben muss, dafür bloßgestellt zu werden. Sobald Mitarbeitende Probleme lieber verstecken als melden, ist die Kultur bereits beschädigt, auch wenn außen noch alles glänzt.

Sie wird von der Führung vorgelebt, nicht nur eingefordert: Mitarbeitende orientieren sich nicht an Leitbildern an der Wand, sondern daran, wie die Führungskraft selbst mit Gästen, mit Beschwerden und mit dem eigenen Team umgeht.

Sie hat einen wirtschaftlichen Effekt, den man messen kann: Gute Servicekultur ist kein reiner Wohlfühlfaktor. Sie zeigt sich in wiederkehrenden Gästen, in besseren Bewertungen und in geringerer Fluktuation.

Warum das kein Zufall ist: die Service-Profit-Chain.

Diesen Zusammenhang beschreibt ein Modell aus der Dienstleistungsforschung: die Service-Profit-Chain von Heskett, Sasser und Schlesinger (Harvard Business School). Die Kernaussage lässt sich in einer Kette zusammenfassen:

Eine gute interne Servicekultur führt zu zufriedeneren Mitarbeitenden. Zufriedene Mitarbeitende bleiben dem Haus länger treu und sind produktiver. Das wiederum führt zu einem besseren Serviceerlebnis für den Gast. Zufriedene Gäste kommen wieder und empfehlen das Haus weiter. Und das führt am Ende zu Wachstum und Wirtschaftlichkeit.

Der entscheidende Punkt: Diese Kette beginnt nicht beim Gast, sondern bei den eigenen Mitarbeitenden. Wer Servicequalität verbessern will, aber ausschließlich an der Gästeoberfläche ansetzt, arbeitet am Anfang der Kette vorbei. Ich sehe das in der Praxis immer wieder: Häuser, die zuerst in ihre Mitarbeitenden investieren, also in Standards, Feedback und Führung, erreichen bessere Ergebnisse beim Gast als Häuser, die nur an Gästefreundlichkeit trainieren.

Mein Fazit:

Ich bin überzeugt, dass sich Servicekultur nicht per einmaligem Workshop installieren lässt. Sie entsteht über Zeit, durch wiederholte kleine Erfahrungen im Alltag: durch Standards, die tatsächlich gelebt werden, durch Feedback, das ankommt, und durch Führungskräfte, die Vorbild sind statt nur Vorgaben zu machen.

Trainingsprozess statt Trainingstag

Ein Training ist ein Anfang. Wirklichen Mehrwert bringt der Prozess danach.

Ein Workshop, ein guter Tag, viel Applaus am Ende. Und drei Monate später läuft im Team wieder alles wie vorher. Dieses Muster erlebe ich in der Hotellerie immer wieder.

Ein Beispiel, das ich in ähnlicher Form schon oft gesehen habe: Ein Haus bucht ein Tagesseminar zu Beschwerdemanagement an der Rezeption. Die Stimmung ist gut, die Übungen kommen an, alle gehen motiviert nach Hause. Vier Wochen später beschwert sich ein Gast, und die Rezeptionistin reagiert genauso wie vorher, nicht aus Unwillen, sondern weil das neue Verhalten im stressigen Alltag noch nicht automatisiert war.

Was die Forschung dazu sagt:

Der Psychologe Hermann Ebbinghaus zeigte bereits 1885, dass frisch gelerntes Wissen ohne Wiederholung sehr schnell wieder verschwindet. Eine Replikation seiner Experimente mit moderner Methodik (Murre & Dros, 2015) bestätigte dieses Muster.

Wie stark sich das auch auf Trainings im Berufsalltag überträgt, zeigt eine Untersuchung von Saks und Belcourt (2006): Direkt nach einer Schulung wenden Mitarbeitende in ihrer Studie rund 62 Prozent des Gelernten an. Nach sechs Monaten sind es nur noch 44 Prozent, nach einem Jahr 34 Prozent. Rund die Hälfte eines einmaligen Trainings ist demnach innerhalb eines Jahres wieder verschwunden.

Ein zweiter, gut belegter Befund erklärt, was stattdessen hilft: Wissen, das in mehreren zeitlich verteilten Einheiten wiederholt wird, bleibt deutlich länger erhalten als Wissen, das an einem einzigen Tag komprimiert vermittelt wird. Eine Meta-Analyse von Cepeda und Kolleginnen (2006) über 184 Studien bestätigt diesen sogenannten Spacing-Effekt durchgängig. Übertragen auf die Praxis heißt das: Mehrere kurze Auffrischungen über einen längeren Zeitraum verteilt wirken nachhaltiger als ein einzelner, noch so guter Trainingstag.

Was das für die Praxis bedeutet:

Ein einzelnes Training ist deshalb kein Fehler, sondern schlicht ein Anfang. Es setzt einen Impuls, vermittelt Wissen und sorgt für einen ersten gemeinsamen Rahmen im Team. Der eigentliche Mehrwert entsteht aber erst danach: durch kurze, wiederkehrende Auffrischungen, durch Beobachtung im echten Arbeitsalltag statt nur im geschützten Seminarraum, und durch gezielte Anpassung, wenn sich zeigt, dass etwas bei einer bestimmten Abteilung oder Schicht noch nicht greift.

Aus meiner Erfahrung braucht nachhaltige Veränderung deshalb eher einen Trainingsprozess über einen definierten Zeitraum als einen einzelnen Termin. Das ist aufwendiger als ein einmaliger Workshop, macht aber den Unterschied zwischen einem netten Trainingstag und einer tatsächlich veränderten Servicequalität aus.

Mein Fazit:

Die Frage ist nicht, ob ein Training gut war. Die Frage ist, was drei Monate später davon noch im Arbeitsalltag zu sehen ist.

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